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Quälerei

Nov 2nd 2009, 01:51 PM 1 raters


Montagmorgen, 9.00 Uhr:

Der Wecker klingelt. Ich schrecke aus dem Bett hoch und stelle erst mal das nervende Geräusch aus. Will mich grad wieder in die Kissen fallen lassen, als mir einfällt, dass ich losmuss. Stehe also fluchend auf, renne erst mal gegen meine Zimmertür (morgens ist mein Denken noch nicht so in Gang), flüchte ins Bad und putze mir die Zähne. Ich haste zurück in mein Zimmer, ziehe mich an, kämme mir die Haare, verzweifle bei dem Blick in den Spiegel. Verzweifle anschließend bei dem Blick auf die Uhr. Humple in die Küche (von wegen Indianer kennen keinen Schmerz -.-), würge unter strengster Beobachtung meines Vater ein Kuchenstück runter, woraufhin mir spontan prompt schlecht wird. Ich studiere aufmerksam die wirren Aufzeichnungen meines Vaters, in denen er mir wohl erklären will, wie ich den Arzt finden soll. Ich werfe einen weiteren Blick auf die Uhr, schnappe mir Jacke und Zettel und renne aus der Tür.

 

Montagmorgen, 9.54 Uhr:

Ich steige aus der U-Bahn aus, drehe mich einmal im Kreis und entscheide in die mir am sympathischsten wirkende Richtung zu gehen, weil ich aus meinem Zettel nicht so ganz schlau werde. Ich erkenne tatsächlich ein paar Plätze wieder, anfangs ...

„Echt? Wir müssen doch in die andere Richtung.“

„Nein, das ist schon richtig so.“

„Wirklich? Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine 180 Grad Wendung nicht ganz verkehrt wäre.“

In einem verzweifelten Dialog mit mir selbst versuche ich eine Entscheidung zu fällen. Nach ein paar Minuten beschließe ich, einfach der Nase nach zu laufen. Natürlich hat es längst angefangen zu regnen und ich bin ziemlich ... nass.

„Na toll.“

„Hör auf zu meckern.“

„Aber ich bin nass. Das ist recht unangenehm.“

„Tja, das hättest du dir überlegen sollen, bevor du beschlossen hast ohne Regenschirm und Kapuze aus dem Haus zu gehen.“

Ich ignoriere die verwirrten Blicke der Passanten und drehe meinen IPod lauter, um mich zum Schweigen zu bringen.

 

Montagmorgen, 10.10 Uhr:

„Ah, Frau ---! Nehmen Sie doch noch kurz im Wartezimmer Platz.“ Davon geblendet, gesiezt zu werden, übersehe ich die Ankündigung des berüchtigten kurzen Wartens und marschiere ins Wartezimmer. Ich werde von allen Seiten seltsam angeschaut. Leise murmelnd beschwere ich mich über die fehlende Vorgauklung von Respekt in dieser Welt. Zum Glück kann man nicht mehr als ein Brummen heraushören.

 

Immer noch am verfluchten Montagmorgen, 10.45 Uhr:

Ich bereue, mich morgens so abgehetzt zu haben, wobei ich doch locker eine Stunde länger schlafen hätte können. So wie das hier aussieht, wäre das nämlich niemandem aufgefallen.

„Frau ---!“ Ich kann mein Glück kaum fassen und stehe auf.

„Nehmen Sie doch bitte noch kurz hier Platz.“ Höhenflug beendet. Ich beäuge den Sessel vor mir misstrauisch, setze mich aber bereitwillig hin. Ich frage mich, ob ich jetzt aufgestiegen bin, durch die Umsetzung. Anscheinend nicht. Denn um 10.55 Uhr sitze ich immer noch am gleichen Fleck und belausche mehr oder weniger interessiert das Gespräch der Sprechstundenhilfe mit ihrem Ehemann und werfe hin und wieder einen Blick durch die gewellten Scheiben ins Behandlungszimmer, wo ich einen Mann mit schwarzen Socken und offenbar zu kurzer Hose erspähe. Der Arzt, tippe ich.

 

Montagmorgen, 10.59 Uhr:

In Selbstaufgabe sitze ich in mich zusammengesunken in dem verdammten braunen Sessel im verdammten Vorzimmer und bin kurz davor, der Sprechstundenhilfe an die Gurgel zu gehen, um das nervtötende, monotone „Hm-mm“ abzuwürgen. Sie und ihr Mann scheinen sich nicht viel zu sagen zu haben. Erstaunlich, dass sie es trotzdem schaffen geschätzte 15 Minuten, gespürte 2 Stunden, zu telefonieren.

Endlich öffnet sich die Tür neben mir und der Mann mit den schwarzen Strümpfen und der zu kurzen Hose steckt seinen Kopf heraus und bittet mich herein.

 

Montagmorgen, 11.15 Uhr:

Ich bin leicht empört, dass ich fast 50 Minuten auf eine Behandlung von 10 Minuten warten musste (die restlichen 5 Minuten hat eine seltsame Frau meine Hand mit einem Spachtel bearbeitet und mir erklärt, sie würde Hautschuppen abschaben - nix hat die abgeschabt!!!). Trotzdem habe ich schlimmere Probleme. Es regnet in Strömen und ich habe nicht den geringsten Schimmer, wie oder wo ich zurück zur U-Bahn kommen soll. Na super!

 

Montagmittag, 12.30 Uhr:

„Corinna, musst du nicht langsam zu Querflöte?“

...

„Corinna??“

(Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich bereits schluchzend unter der Bettdecke. Nichtsdestotrotz wurde ich 5 Minuten später grausamst gezwungen, wieder hinaus zu gehen. Und so gings den Rest des Tages weiter ...)

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  3 Comments / Leave Comment  Permalink Rate this post:  
 
 

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  • CoolaShaGga wrote:
    Liebe Corinna, an dieser Stelle möchte ich mich ein LAUTES LACHEN... NICHT verkneifen, aber ich hab Dich trotzdem gern und hab Deinen Text auch sehr gerne gelesen, denn er hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert :-D ...

    Schön, dass es Dir genauso erging wie mir :))


    Nov 2nd, 2009 | 02:32 PM
  • Corinna wrote:
    Ja ja, lach mich nur aus. Obwohl- ich habs ja auch gemacht^^.
    Nun da wir Synchron-Nasswerder sind, schlage ich den Kauf dieser Regenschirme, die man sich auf den Kopf steckt vor :D


    Nov 2nd, 2009 | 02:59 PM
  • CoolaShaGga wrote:
    LOL.. ja klar.. und ich flieg dann davon, wenn ich mit'm Fahrrad unterwegs bin.. ich stell's mir grad vor :DD

    Nov 2nd, 2009 | 03:10 PM
 


 
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